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Gemeinschaftliche Gebäudeversorgung – keine Alternative zu Mieterstrom

Gemeinschaftliche Gebäudeversorgung auf dem Prüfstand: Wir erläutern die Vor- und Nachteile dieses Modells für eine Vor-Ort-Versorgung mit Solarstrom.

Die Gemeinschaftliche Gebäudeversorgung ergänzt das Mieterstrommodell 

Große Erwartungen für die dezentrale Energieversorgung in den Kommunen weckt derzeit die gemeinschaftliche Gebäudeversorgung (GGV): Sie soll eine bürokratiearme Lieferung von PV-Strom an mehrere Parteien innerhalb eines Gebäudes ermöglichen. Bürokratiearm u. a. deshalb, weil bei der GGV im Vergleich zum Mieterstrom keine Vollstromversorgung notwendig ist – jeder Teilnehmer bleibt für den Reststrom bei seinem Lieferanten. Aus diesem Grund wird sogar von einer Konkurrenz zum Mieterstrom gesprochen. Doch: Ist die gemeinschaftliche Gebäudeversorgung tatsächlich eine sinnvolle Alternative zum Mieterstrommodell?

Wir denken: nein. Das Konzept, das im Rahmen des Solarpaket 1 beschlossen wurde wird, bedarf mit Blick auf die Anwendbarkeit in der Praxis noch weiterer Konkretisierung. Für den flächendeckenden Einsatz, insbesondere in der Wohnungswirtschaft, ist es aus unserer Sicht wenig geeignet. Im Folgenden erläutern wir die Gründe.

Was ist eine gemeinschaftliche Gebäudeversorgung?

Die Fakten

  • Mehrere Parteien werden aus einer PV-Anlage vor Ort versorgt, ohne dass der Anlagenbetreiber für die Reststromlieferung verantwortlich ist, wenn der Lokalstrom mal nicht ausreichend vorhanden ist. 
  • Das heißt: Der Anlagenbetreiber stellt den erzeugten PV-Strom lokalen Verbrauchern innerhalb eines Hausanschlusses direkt zur Verfügung. Er liefert aber – anders als im Mieterstrommodell keinen Reststrom, wird somit nicht zum Vollversorger.
  • Das Modell ist nicht neu. In Gewerbeimmobilien ist der On-Site PPA „Power Purchase Agreement“ ein ähnliches Konstrukt, bei dem ein einzelner Abnehmer nur den PV-Strom abnimmt.

Warum ist gemeinschaftliche Gebäudeversorgung keine flächendeckende Alternative zum Mieterstrom?

Aus unserer Sicht sprechen insbesondere drei Gründe gegen einen flächendeckenden, profitablen Einsatz der gemeinschaftlichen Gebäudeversorgung. Welche das sind, erläutern wir nachfolgend.

  1. Komplexe Messkonzepte: Herausforderung für Messstellen- und Verteilnetzbetreiber
  2. Mieterstrom ist wirtschaftlich attraktiver als die GGV
  3. Hoher Aufwand im Betrieb für Reststromlieferanten

1. Komplexe Messkonzepte: Herausforderung für Messstellen- und Verteilnetzbetreiber

In der GGV ist es erforderlich, die Erzeugung und den Verbrauch eines jeden Teilnehmers viertelstündlich zu erfassen und trennscharf abzurechnen. 

Im Vergleich zum On-Site-PPA mit nur einem Stromabnehmer ist die Umsetzung des Messkonzepts mit mehreren Stromabnehmern deutlich aufwendiger. Um Netzstrom und PV-Strom sauber abzugrenzen, wird die physische Messlokation in zwei virtuelle Zählpunkte aufgeteilt: Der bezogene Reststrom sowie der bezogene PV-Strom jedes einzelnen Mieters werden unabhängig von der Herkunft über eine intelligentes Messsystem oder einen  RLM-Zähler im Viertelstundentakt gemessen. Eine Berechnungsformel trennt diesen jedoch proportional zum Anteil am Gesamtverbrauch aller Verbraucher rechnerisch in Netz- und PV-Strom auf – immer verbrauchsgenau pro Viertelstunde.

Da pro Abnehmer vor Ort mindestens eine Formel erstellt werden muss, sind Messkonzepte für die GGV deutlich komplexer als im Mieterstrommodell. Zum Vergleich: Im Mieterstrommodell gibt es standardisierte Messkonzepte und eine Formel für beliebig viele Teilnehmer. Entweder um Nichtteilnehmer aus einem physischen Summenzähler “herauszubilanzieren” oder um einen virtuellen Summenzähler aus den Messwerten aller Teilnehmer zu errechnen. Aufgrund der Komplexität ist eine direkte Abstimmung der Berechnungsformel mit dem Verteilnetzbetreiber erforderlich.

Herausforderung für Netzbetreiber und Messstellenbetreiber 
Die Vielzahl der notwendigen virtuellen Zähler/Formeln bedeutet eine hohe Komplexität für Verteilnetzbetreiber und Messstellenbetreiber – und stellt sie vor eine immense Herausforderung. Es liegt auf der Hand, dass die Prozesse und Kapazitäten aktuell nicht darauf eingestellt sind, Wechselprozesse und die damit einhergehende notwendige Anpassung der Berechnungsformeln in signifikantem Umfang umzusetzen. Somit stellt das Konzept der gemeinschaftlichen Gebäudeversorgung eine enorme Herausforderung für die ohnehin überlasteten Messstellen- und Verteilnetzbetreiber dar. 

Zusammengefasst:

  • Im Mieterstrommodell gibt es eine Formel für beliebig viele Teilnehmer.
  • In der gemeinschaftlichen Gebäudeversorgung gibt es n Formeln > mindestens eine pro Teilnehmer.

2. Mieterstrom ist wirtschaftlich attraktiver als die GGV

Bei Mieterstrommodellen kommen im Vergleich zur GGV existieren zwei zusätzliche Ertragsquellen: Neben dem Mieterstromzuschlag aus dem EEG, zu dem in der GGV kein Pendant vorgesehen ist, kann auch durch die Reststromlieferung eine zusätzliche Marge erzielt werden. Zusammengenommen lassen sich so zirka 2 bis 5 ct/kWh zusätzlich erwirtschaften.

Weiterhin verbessert sich die Wirtschaftlichkeit, weil pro Kundenanlage nur ein Stromliefervertrag mit dem Versorger geschlossen wird. Damit einher geht die einmalige  Zahlung des Grundpreises. In der GGV schließt, wie oben beschrieben, jeder Teilnehmer seinen eigenen Stromliefervertrag und zahlt entsprechend Grundgebühren. 

Mieterstrom

Gemein. Gebäudeversorgung

  • Verkauf von PV-Strom zu 14–25 ct/kWh
  • Aufschlag von 0,5–2 ct/kWh auf Netzstrom
  •  Mieterstromzuschlag 1,6–2,6 ct/kWh
  • Einspeisevergütung/Direktvermarktung
  • Einsparung Grundpreis pro Mieter
  • Verkauf von PV-Strom zu 14–25 ct/kWh
  • Einspeisevergütung/Direktvermarktung

3. Hoher Aufwand im Betrieb für Reststromlieferanten

Im Mieterstrommodell bündelt der Anlagenbetreiber den Reststromeinkauf für die gesamte Kundenanlage. In der gemeinschaftlichen Gebäudeversorgung können Reststrom-Kleinstmengen der Endverbraucher nicht durch den Anlagenbetreiber gebündelt werden. Jeder Verbraucher schließt zwei Stromlieferverträge – einen für die GGV bzw. den lokalen PV-Strom, einen für den zusätzlich nötigen Reststrom. Dadurch ergibt sich einerseits zusätzlicher Verwaltungsaufwand, aber vor allem eine große Herausforderung für die Prognose und Residualstrombeschaffung – zu Lasten der Energieversorger.

Fazit: 

Aus den genannten Gründen halten wir eine flächendeckende Umsetzung der gemeinschaftlichen Grundversorgung in der Wohnungswirtschaft für nicht wirtschaftlich und deutlich zu komplex. Anders sieht dies aus, wenn die gemeinschaftliche Gebäudeversorgung in Gewerbeimmobilien mit Filialisten zum Einsatz kommt. Aufgrund der bestehenden Rahmenstromverträge vieler Filialisten stellt die GGV oft die einzige Alternative dar. Aufgrund der langfristigen Lieferverträge sind Änderungen im Messkonzept weit weniger häufig als in der Wohnungswirtschaft. Zudem sind die gelieferten Energiemengen größer, wodurch der Mehraufwand beim Messkonzept vertretbar wird. 

Als Standard ist Mieterstrom aufgrund der geringen Komplexität und der höheren Ertragschancen vor allem in der Wohnwirtschaft weiterhin das präferierte Betreibermodell. Die gemeinschaftliche Gebäudeversorgung bietet hingegen eine hervorragende Möglichkeit, auch mit Filialisten eine Lokalstromversorgung umzusetzen. 
Durch die innovative Abrechnungslösung von Solarize können beide Modelle problemlos umgesetzt werden. Darüber hinaus ist die Solarize App dank der flexiblen Schnittstellen in der Lage, anderen Akteuren, beispielsweise Messstellenbetreibern, die bilanzierten Werte zur Verfügung zu stellen und diese damit für die GGV zu befähigen.

Sie möchten mehr darüber erfahren? Unsere Experten erläutern Ihnen gerne die Möglichkeiten. 

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