Mieterstrom ist ein Geschäftsfeld mit hoher Prozesskomplexität. Ein Objekt mit 40 Wohneinheiten unterscheidet sich prozessual kaum von einem Objekt mit 400, solange die Abläufe automatisiert sind. Wirtschaftlich wird das Geschäftsfeld für Stadtwerke und Energieversorger deshalb über Skalierung und Automatisierung: viele Liegenschaften, standardisierte Prozesse, möglichst wenig manuelle Arbeit pro Abrechnung.
Am Anfang dieser Kette steht der Messstellenbetrieb: Die Messdaten in der richtigen Struktur und Vollständigkeit entscheiden über die Qualität der Abrechnung. Beide Bausteine entscheiden gemeinsam darüber, wie viele Projekte ein Team betreuen kann.
Warum der Messstellenbetrieb im Mieterstrom über die Skalierung entscheidet
Ein Mieterstromprojekt verteilt sich auf mehrere Beteiligte: Der Mieterstromanbieter betreibt die PV-Anlage und schließt die Mieterstromverträge, über den Verteilnetzbetreiber werden Einspeisevergütung und Mieterstromzuschlag ausgezahlt, der Reststromlieferant liefert Strom aus dem öffentlichen Netz. Der Messstellenbetreiber betreibt die Zähler und liefert die Messdaten.
Die Abrechnung selbst läuft in vier Schritten ab: Messdatenerfassung und Validierung, Bilanzierung, Rechnungserstellung und Versand, Forderungsmanagement. Der erste Schritt wird vom MSB verantwortet. Fehlt eine Zeitreihe oder ist ein Messkonzept nicht korrekt abgebildet, verschiebt sich alles Nachfolgende und aus einem automatisierten Lauf wird ein Klärfall. Bei einem Projekt ist das ärgerlich, bei fünfzig Projekten bindet es Personal und verursacht hohe Kosten im Betrieb.
Vier Anforderungen an den Messstellenbetreiber
1. iMSys-Verfügbarkeit auch außerhalb des Pflichtrollouts
Mieterstromprojekte brauchen viertelstündige Messwerte für alle relevanten Messstellen: Mieterstromteilnehmer, Allgemeinstrom, Wärmepumpe und Erzeugungsanlagen. Der gesetzliche Smart Meter Rollout deckt davon nur einen Teil ab. Kleinere Verbrauchsstellen und Erzeugungszähler fallen häufig in den optionalen Rollout, bei dem der Einbau auf Veranlassung des Messstellenbetreibers und seit 2025 auch auf Kundenwunsch erfolgt. Ein MSB für Mieterstrom sollte intelligente Messsysteme deshalb auch außerhalb der Pflichtfälle einbauen, insbesondere bei den teilnehmenden Verbrauchern.
2. Berechnung des virtuellen Summenzählers
Der virtuelle Summenzähler umfasst zwei virtuelle Marktlokationen, über die der Reststrombezug und die Einspeisung der Kundenanlage berechnet und kommuniziert werden. So ergibt sich der Gesamtverbrauch der Kundenanlage aus den Verbräuchen aller teilnehmenden Marktlokationen abzüglich lokaler Erzeugung in einer Viertelstunde. Voraussetzung für den virtuellen Summenzähler ist nach §20 1(d) EnWG, dass sämtliche einbezogenen Zähler intelligente Messsysteme sind.
3. Lokationsbündel und ruhende Marktlokationen
Die Netzbezugs-Marktlokation der Kundenanlage bleibt aktiv und wird vom Reststromlieferanten beliefert, typischerweise aus dem Lieferantensystem. Gemessen wird sie über den virtuellen Summenzähler. Die Mieterstromteilnehmer haben eine ruhende MaLo und werden nicht aus dem Markt beliefert, weil der Mieterstrombetreiber sie nach dem Prinzip der Vollversorgung mit PV- und Netzstrom aus einer Hand versorgt. Nicht-Teilnehmer behalten ihre aktive MaLo und ihr bestehender Lieferant übernimmt die Versorgung.
Damit die Struktur sauber bleibt, muss der MSB Lokationsbündel aufbauen und entsprechend den Vorgaben des VNBs verwalten können. Vor allem Wechsel in und aus dem Mieterstrom müssen nahtlos umgesetzt werden. Konkret: Sobald sich die Teilnehmerstruktur im Mieterstrom ändert, sind das Lokationsbündel und die Berechnungsformeln des vZ1 anzupassen.
4. Automatisierte Datenübertragung an das Meter-to-Cash-System
Messdaten, die manuell abgelesen und weitergegeben werden, begrenzen die Zahl der Projekte, die ein Team betreuen kann. Die Übertragung an das Abrechnungssystem sollte täglich und ohne Nacharbeit laufen. Dafür stehen mehrere Wege offen, die sich in Aufwand, Sicherheit und Kosten unterscheiden.
Wege der Datenübertragung im Vergleich
| Weg | Funktionsweise | Einordnung |
| E-Mail-Weiterleitung (CC-Versand) | Weiterleitung der Messdaten im MSCONS-Format aus dem EDM | Pragmatisch und kostengünstig, erfolgt ohne AS4 |
| sFTP-Server | Übergabe der MSCONS-Daten an einen sFTP-Server | Muss initial eingerichtet werden, bietet Verschlüsselung |
| ESA-Marktrolle | Standardisierte Übertragung vom MSB an das Abrechnungssystem über die Marktkommunikation | Gold-Standard für den Weg über den gMSB; als Zusatzleistung nach dem MsbG entgeltpflichtig, die Preisblätter liegen bei rund 25 Euro je Zähler |
| API | Direkte Anbindung der Messdatenplattform des MSB | Bevorzugter Weg vieler wettbewerblicher MSB, kostengünstig und sicher |
Welcher Weg passt, hängt vom MSB und von der eigenen Systemlandschaft ab. Entscheidend ist, dass der Weg vor Projektstart festgelegt wird.
gMSB oder wMSB: wie die Entscheidung im Projekt fällt
Für Stadtwerke ist die Beauftragung des grundzuständigen Messstellenbetreibers in der Regel der bevorzugte Weg. Die Gründe liegen auf der Hand: bestehende Prozesse, ein Ansprechpartner im eigenen Haus, keine zusätzliche Vertragsbeziehung.
Sinnvoll ist, die Anforderungen vorher zu klären. Vier Fragen helfen:
-
Kann der gMSB iMSys an allen relevanten Messlokationen einschließlich der Erzeugungsanlage ausbringen, und in welchem Zeitraum?
-
Beherrscht er die Berechnung des virtuellen Summenzählers sowie den Aufbau von Lokationsbündeln und ruhenden MaLos?
-
Über welchen Weg gelangen die Messdaten in das Abrechnungssystem, und welche Entgelte fallen dafür an?
-
Wie laufen die Wechselprozesse in und aus der Kundenanlage?
Der flächendeckende iMSys-Einbau außerhalb der Pflichtfälle ist heute noch nicht bei jedem Messstellenbetreiber Teil des Angebots. Auch die korrekte Bilanzierung und Abrechnung dieser Konstellationen ist in den historisch gewachsenen Systemen von Netz- und Vertriebsgesellschaften oft noch nicht vollständig abgebildet. Bleibt eine der vier Fragen offen und der Projektzeitplan ist eng, ist die Zusammenarbeit mit einem wettbewerblichen Messstellenbetreiber eine sinnvolle Alternative.
Praxisbeispiel: Stadtwerke Heidelberg mit metiundo und Solarize
Die Stadtwerke Heidelberg sind Eigentümer und Betreiber von PV-Anlagen, Kundenanlagenbetreiber und Reststromlieferant. Für Messung und Datenbereitstellung setzen sie auf metiundo als wettbewerblichen Messstellenbetreiber, für die Abrechnung auf Solarize.
metiundo ist wettbewerblicher Messstellenbetreiber für Strom-, Gas-, Wasser- und Wärmezähler mit Fokus auf Mehrfamilienhäuser und Quartierslösungen in Bestand und Neubau. Das Unternehmen übernimmt Beschaffung, Installation und Betrieb der Zähler samt 15-minütiger digitaler Fernauslesung, verwaltet die Daten auf einer eigens entwickelten Plattform für Mieterstrom-Anwendungsfälle und stellt die Messdaten per API-Schnittstelle bereit. Komplexe Messkonzepte, wie Mieterstrom mit physischem oder virtuellen Summenzähler, GGV und Energy Sharing lassen sich darüber abbilden.
Drei Erfahrungen aus dem Projekt lassen sich auf andere Vorhaben übertragen:
-
Schnittstellen und Prozessabläufe früh mit allen Beteiligten festlegen: Mieterstromanbieter, wMSB, Verteilnetzbetreiber und Abrechnungsdienstleister.
-
Die Wechselprozesse in und aus der Kundenanlage vorab klären. Solange die ruhende MaLo nicht vollumfänglich umgesetzt ist, sind hier Sonderlösungen erforderlich.
-
Die Dienstleisterauswahl an den eigenen Anforderungen und Systemen ausrichten. Welche Leistungen der MSB erbringen muss, ergibt sich aus dem, was die eigene Systemlandschaft abdeckt.
Fazit: vier Erfolgsfaktoren für die Skalierung
Wer Mieterstrom vom Pilotprojekt in den Regelbetrieb überführt, braucht moderne Messkonzepte mit virtuellem Summenzähler, zuverlässig verfügbare Messdaten, eine verbrauchsgenaue Abrechnung und klare Schnittstellen zwischen allen Beteiligten. Der Messstellenbetrieb entscheidet über die ersten beiden Punkte und liefert die Grundlage für die anderen zwei.
Die Solarize Plattform übernimmt den Meter-to-Cash-Prozess ab dem Messdatenempfang: Validierung, Bilanzierung innerhalb der Kundenanlage, Rechnungsstellung, Forderungsmanagement und Übergabe der Buchungssätze an das Hauptbuch, als spezialisiertes Nebenbuch neben dem bestehenden ERP-System. Für die Messdatenübertragung bestehen Standardanbindungen an eine Reihe von Messstellenbetreibern, weitere binden wir im Projekt an. Auf demselben Fundament rechnen Sie auch gemeinschaftliche Gebäudeversorgung, Wärme und dynamische Tarife ab.
Sie planen die Skalierung Ihrer Mieterstromprojekte und klären gerade die Anforderungen an Ihren Messstellenbetrieb? Sprechen Sie mit uns über Ihr Setup.
Mirco Haerer